Mitgefühl mit sich selbst haben – Selbstmitgefühl
Manchmal läuft es im Leben nicht rund. Man wird krank, hat Schmerzen, vielleicht auch wenig Kraft für Veränderungen. Möglicherweise kommen noch Beziehungsprobleme dazu und man fühlt sich, als habe man versagt. Kein schöner Zustand!
Dann ist es hilfreich mit sich selbst mitfühlend umzugehen, ohne dabei ins Selbstmitleid abzurutschen. Dies bedarf ein wenig an Übung und soll hier an ein paar Beispielen dargestellt werden.
Die zwei Qualitäten des Selbstmitgefühls
1. Die sanfte, zulassende Qualität (Das "Love it" / "Gelassenheit")
Diese Qualität ist die Basis. Es ist die Fähigkeit, innezuhalten und einen schwierigen Zustand zunächst einmal anzuerkennen, ohne ihn sofort wegdrücken oder verändern zu wollen. Es ist wie die innere Haltung eines guten Freundes, der sich zu uns setzt, wenn wir leiden, und einfach da ist. Es geht um Akzeptanz des Augenblicks, so wie er ist – nicht um Resignation, sondern um eine freundliche Bestandsaufnahme.
- Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie haben einen schweren Fehler bei der Arbeit gemacht und sind voller Scham und Selbstvorwürfen. Die sanfte Qualität des Selbstmitgefühls würde sich so äußern: Sie halten inne, atmen tief durch und legen innerlich eine Hand auf Ihr schmerzendes Herz. Sie sagen zu sich selbst: "Oh, das ist gerade wirklich hart. Ich habe einen Fehler gemacht und fühle mich jetzt furchtbar. Das ist ein Moment des Leidens. Darf ich mir erlauben, mich jetzt einfach so zu fühlen, wie ich mich fühle? Darf ich mir selbst in dieser schweren Emotion Freundlichkeit entgegenbringen?" Es geht hier nicht darum, den Fehler schönzureden, sondern darum, der Welle der Selbstverurteilung eine innere Haltung der Freundlichkeit entgegenzusetzen.
2. Die kraftvolle, mutige Qualität (Das "Change it" oder "Leave it" / "Mut, etwas zu ändern")
Diese Qualität ist die Handlungsfähigkeit, die aus der Akzeptanz erwächst. Wenn wir den schwierigen Zustand erst einmal anerkannt haben, können wir weise entscheiden, was zu tun ist. Diese Form des Selbstmitgefühls ist aktiv, mutig und grenzt sich von dem ab, was uns schadet. Es ist die fürsorgliche Elternstimme in uns, die sagt: "So kann es nicht weitergehen, ich muss etwas für dich tun."
Beispiele für beide Handlungen:
"Change it" (Verändern): Nehmen wir das gleiche Beispiel mit dem Fehler bei der Arbeit. Nachdem Sie sich Ihrer schwierigen Emotion freundlich zugewandt haben (sanfte Qualität), kann sich die kraftvolle Qualität entwickeln. Sie sagt vielleicht: "Okay, das Fühlen ist der eine Teil. Aber ich muss jetzt auch handeln, um für mich zu sorgen und den Schaden zu begrenzen. Ich werde mir morgen früh Unterstützung bei einer Kollegin holen, der ich vertraue, und mit ihr besprechen, wie wir den Fehler beheben können. Ich werde mich nicht hier im Keller meiner Scham verstecken, sondern mutig die Verantwortung übernehmen. Ich tue das, weil es mir langfristig besser gehen wird, als wenn ich mich jetzt verkrieche."
"Leave it" (Abgrenzen): Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem wiederkehrenden Konflikt mit einem Freund oder Familienmitglied, was Sie massiv belastet und Sie sich immer klein und unwert fühlen. Nachdem Sie die sanfte Qualität genutzt haben, um Ihren Schmerz über diese Dynamik zu spüren, kommt die kraftvolle Qualität. Sie könnte sagen: "Ich erkenne, dass diese Beziehung mir nicht guttut. Ich habe ein Recht darauf, mich vor dieser Verletzung zu schützen. Selbstmitgefühl bedeutet jetzt, mich abzugrenzen. Ich werde das nächste Treffen absagen und dem anderen in einem ruhigen Moment klar sagen, dass ich diesen Umgangston nicht mehr akzeptieren kann." Im Extremfall kann "Leave it" sogar bedeuten, sich ganz aus einer toxischen Umgebung oder Beziehung zu lösen – ein Akt der ultimativen Selbstfürsorge.
Erweiterte Gedanken & Verbindung zum Gelassenheitsgebet
Hier möchte ich eine Verbindung von der Selbstfürsorge zum Gelassenheitsgebet, von Reinhold Niebuhr herstellen: "Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."
- Die sanfte Qualität entspricht der Gelassenheit hinzunehmen, was ist (z.B. ein Gefühl, eine vergangene Handlung, die Reaktion eines anderen).
- Die kraftvolle Qualität entspricht dem Mut, Dinge zu ändern oder sich von ihnen zu trennen (z.B. eigenes Verhalten ändern, Hilfe suchen, Grenzen setzen).
- Die Weisheit ist die Fähigkeit, in uns hineinzuhorchen und zu spüren: Was brauche ich jetzt wirklich? Brauche ich gerade das sanfte Annehmen oder das kraftvolle Handeln?
Entscheidend dabei ist die Reihenfolge. Oft stürzen wir uns direkt in die kraftvolle, mutige Qualität ("Ich muss das jetzt ändern!") und überspringen die sanfte Akzeptanz. Dann handeln wir aus einem Gefühl des Drucks, der Angst oder des Nicht-aushalten-Könnens heraus. Das führt häufig zu unüberlegten oder sogar selbstschädigenden Entscheidungen.
Erst wenn wir dem Schmerz erlauben da zu sein (sanfte Qualität), können wir von einem klaren, ruhigen Ort heraus entscheiden, ob Veränderung oder Abgrenzung jetzt wirklich weise und nützlich ist. Die kraftvolle Handlung, die aus der Akzeptanz erwächst, ist keine impulsive Reaktion, sondern eine bewusste, fürsorgliche Entscheidung.
Test zum Selbstmitgefühl
Wenn Sie neugierig sind, wie es um Ihr Selbstmitgefühl steht, können Sie sich hier den Test ausdrucken. Drucken, ausführen und anschließend die Auswertung lesen.
PDF Test zum Selbstmitgefühl
PDF Auswertung
Die Bilder sind von Sassa Ruopp. Die Internet-Veröffentlichung der Bilder erfolgt mit ihrer freundlichen Genehmigung.


